Das neue heutejournal – Richtige Richtung aber falsche Umsetzung

Das neue Nachrichtenstudio des ZDF ist groß und mit modernster Technik ausgestattet, wie das ZDF seit Tagen unablässig betont. Das sollte man bei einem so teuren Neubau eigentlich auch erwarten. Die Nachrichten gehören zur Kernkompetenz des öffentlich-rechtlichen Senders und so ist es auch folgerichtig, dass der Sender dort besonders investiert. Mit den (computer-)technischen Möglichkeiten sollen komplexe Nachrichten durch Modelle und Animationen besser veranschaulicht werden und durch eine förmlichere Kleiderordnung der Eindruck der Professionalität gesteigert werden. Gute Idee, richtiges Studio. Nur nach der erste heute Sendung und dem ersten heutejournal muss man wohl leider sagen: falsche Umsetzung.

Allgemein etwas gewöhnungsbedürftig dürfte neben der Größe insbesondere das gewählte Farbschema und die “Opener” von heute und heutejournal sein. Die bisherigen Farben waren kräftig und in Verbindung mit dem Holzdekor machte das Studio einen warmen und angenehmen Eindruck. Nun herrschen die Farben Mausgrau, Arktisblau und eine aggressivere Form des Taxigelb. Das deutlich kühlere Design mag mehr Objektivität repräsentieren, aber mit dem Hauch “2.0″ Elemente (Schattenwürfe, Verläufe und Animationen) könnte es sich schnell als störend und verbraucht herausstellen. Die Opener werden ebenfalls von grau und Animationen beherrscht. Das alte einprägsame Jingle von heute und heutejournal wurde durch nichtssagendes Gedudel ersetzt. Was bisweilen als markantes Erkennungsmerkmal für die “Marken” heute und heutejournal galt, ist einem Ausdruck von Ideenlosigkeit und Beliebigkeit gewichen.

Vom Wiedererkennungsfaktor hat das ZDF die Uhren daher also auf Null gedreht. Erst in einigen Tagen/Wochen wird sich zeigen, ob der (ungewollte?) Schritt gelingt oder Nachbesserung verlangt (was bei einem virtuellen Studio deutlich einfacher sein dürfte). Aber die neuen Nachrichten können nicht nur auf Äußeres beschränkt werden. Auch kommen neue Techniken und Methoden zum Einsatz. Ebenfalls mit unterschiedlicher Wirkung.

In der heute Sendung zeigte Steffen Seibert wie man die neuen virtuellen “Erklärräume” nutzen kann. Auf voller Größe wurde eine Animation des AKW Krümmel gezeigt:

Seibert neben dem AKW Krümmel Seibert erklärt die Pannen des AKW Krümmel

Die Animation verdeutlichte sehr gut, wo die Probleme genau lagen: in unterschiedlichen Transformatoren außerhalb des Reaktorgebäudes. Die Animation sprach eigentlich für sich. Wahrscheinlich auch ein Grund warum Steffen Seibert locker lässig neben der Animation stand, seinen Text aufsagte und ab und an auf die markierten Gebäude zeigte. Mit anderen Worten: Seibert war im Bild überflüssig.

Auch das Wetter präsentiert sich aus dem neuen Studio und in neuem Design. Zwei Dinge waren dabei bemerkenswert: Gunther Tiersch, der es gewohnt ist vor einer grünen Wand zu stehen, agierte völlig normal (hier können sich die Moderatoren in ihren Erklärräumen noch einiges abschauen), so dass die Neuheit kaum auffiel. Allerdings zeigte sich auch, dass das Format auf Internet, HD-Fernsehen und 16:9 ausgelegt ist. In 4:3 waren bei den Wetterkarten Temperaturwerte und Städtenamen kaum erkennbar:

Bild 4

Auch im heutejournal demonstrierte Claus Kleber stolz die neuen Möglichkeiten. So lief er während seiner Moderation von seinem “Stammplatz” zum “Interviewraum”. Damit bewies er zwar, dass er laufen und gleichzeitig moderieren kann, allerdings wirkte das schwer gewöhnungsbedürftig, insbesondere die Linien, die plötzlich um ihn rumschwungen um bei der Interviewtotalen wieder richtig zu liegen (aber Gott sei Dank alles virtuell, so brauchte sich die im Hintergrund grinsende Gundula nicht zu erschrecken):

Kleber läuft durchs Studio Linien schwingen um Kleber Kleber im Interview

Später erklärte Kleber noch den Ablauf der ersten Mondlandung, was eigentlich ganz gelungen war und deutlich zeigte, wozu das neue Studio alles sinnvoll genutzt werden kann. Nach dem Einspieler über den Start der Raumfähre blieb allerdings neben Klebers Kopf der Mond hängen und da die Raumfähre aus der Animation dort nie ankam (Kleber sagte gleichzeitig, es lief nicht alles glatt. Also doch Hollywood?) wartete man darauf, dass Kleber mit einem Kopfschuss den Mond in fremde Galaxien befördert:

Kopfball?

Alles in allem wohl hauptsächlich Fragen der Gewöhnung (hinsichtlich Design und (Ab)Lauf) bzw. des Umgangs mit den neuen Möglichkeiten. Klar ist auch, dass diese anfangs gerne extensiv genutzt werden und sich dann einspielen. Es bleibt daher abzuwarten, wie es sich entwickelt. Es sollte jedenfalls nicht weitergehen wie gestern, wo nicht etwa Nachrichten sondern Studio, Technik und Moderatoren im Vordergrund standen. Hier gilt ein alter Werbespruch des Herstellers des von Claus Kleber angepriesenen Laptop: Weniger ist mehr!

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das neue Studio-Bild, so modern es auch sein mag, sehr Zuschauerfeindlich.
    Manchmal ist der Sprecher komisch klein, Proportionen passen nicht , etc etc..
    Farben machen aus den hübschen Damen-Herren, blasse , teilweise, jenachdem wie entfernt die Kameras sind, lächerliche Figürchen….

    Blass und technisch top ist in diesem Fall danebengegangen.. Sorry!!!

    Warum das Ganze; sie werden Zuschauer verlieren???

  2. Ich habe so gerne bei ZDF Nachrichten gesehen; aber, seit dem neuen Studiobild habe ich Schwierigkeiten, die Sprecher richig zu erkennen und das Bild teilweise schwer zu erkennen ist, so unscharf.
    Kann es sein, daß meine Augen sich seit der neuen Gestaltung verschlechtert haben, oder das Ganze durch die störenden komischen vorbeiziehenden Linien und blassen Farben kam.
    Schade, muß Nachrichten bei ARD schauen..
    Komisch, bin sehr oft in den USA, guck da telweise dauernd Nachrichten , daß solche Modernisierungs- Experimente nur bei uns gemacht werden..
    Nicht gelungen…
    MfG

  3. Das neue ZDF-Nachrichtenstudio als Erzählstudio bzw. visuelles Studio im Work progress verstößt gegen die Richtlinien für Sendungen im ZDF.

    (3) Die Programme sollen dem einzelnen die eigene Urteilsbildung ermöglichen. Sie sollen das Gewissen schärfen, eine freie individuelle und öffentliche Meinungsbildung fördern, Hintergründe und Zusammenhänge erhellen und Orientierungshilfen
    zur Einordnung und Gewichtung der Informationen geben.

    <<mit 3-D Animationen, Phantasiehintergründe, Unleserlichkeit, schlechte Akustik, verzerrte Wetterkarte und Showeinlagen der Nachrichtensprecher manipulieren statt informieren<<

    (4) Die Berichterstattung muss von vorbehaltlosem Willen zur Wahrhaftigkeit und Sachlichkeit bestimmt sein. Zweifel an der Zuverlässigkeit einer Nachricht sind zum Ausdruck zu bringen.

    <<Die Arbeitsmethode "work in progress" konterkariert Punkt 4, <>Wo bitte ist diese Kennzeichnung? Mit laxem Auftritt, Rumlaufen, Drehungen zum virtuellen Bild und schnellem Wechsel von Bildern ist alles für mich die Kategorie persönliche Stellungnahme>

  4. Mangelnde Bildkultur der Manager beschädigt Unternehmensziele

    Gute Analyse von Meister.
    Als Diplom-Designer und Kommunikationsexperte muss ich immer wieder in unserer bildbestimmten Welt einen eklatanten Mangel an Bildkultur und semiotischem Verständnis feststellen. Hausgemachte Mittelmässigkeit soll Kosten sparen, oder es liegt an der Beratungsimmunität in Sachen Design, das ja leider im Verständnis vieler noch eine reine “Geschmackssache” ist. Ein schwerer Managementfehler… Graue Unendlichkeit, polypenhafte Formen, mangelde Kontraste, unleserliche Texte, da werden selbst exzellente Nachrichtensprecher wie Kleber, Seibert, Slomka und Co. farblos und amorph. Ein grausamer Rückschritt beim Wetter, das scherenschnittartig im 60er Jahre-Stil das vorhergehende vorbildlich klare und motivierende Design zu ersetzen versucht. Die Grundidee des Formats war richtig, die Umsetzung ist objektiv eine Katastrophe. Mir geht es wie Ihnen, ich mag als Stammseher gar nicht mehr hinsehen… Hier hat jemand seinen Auftrag nicht nach den Regeln der Kunst ausführen können oder dürfen: Nachbesserung ist dringendst zu empfehlen.

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